LOWLANDSPRESS

Die stille Hälfte
Ein Thriller
Ein DNA-Test zeigt: Der Junge an ihrem Küchentisch ist nicht der Junge, den sie zur Welt gebracht hat.
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Als ihre Nichte zu Weihnachten DNA-Tests für die ganze Familie bestellt, liest der Familienchat an einem Dienstagabend laut vor, was die Hebamme Judith Meerman seit vierundzwanzig Jahren weiß: Der Junge an ihrem Küchentisch ist nicht der Junge, den sie zur Welt gebracht hat. Elf Tage später liegt die einzige Frau, die es erklären könnte, tot in der Schleusenkammer, einen Tag nachdem sie Judith sieben Worte auf die Mailbox gesprochen hat. Judith hat das halbe Dorf zur Welt gebracht und kennt von siebenhundert Kindern die genaue Geburtsminute. Von ihren eigenen zwei kennt sie sie nicht. Ein psychologischer Thriller über eine Frage, die vierundzwanzig Jahre lang niemand gestellt hat, und darüber, was es kostet, sie endlich auszusprechen.
Produktdetails
- Verlag
- Lowlands Press
- Sprache
- Deutsch
- ASIN (E-Book)
- B0HL5QJB6Q
Der Anfang
Der Anfang des Buches, dieselben Seiten, die ein Shop zum Hineinlesen zeigt. Weiterlesen bei den Händlern oben.
Prolog
Auf dem Flur steht ein Eimer. Er ist halb voll, und darin schwimmt etwas, das niemand mehr herausholt.
Zwei Türen. Zimmer 1 links, Zimmer 3 rechts. Zimmer 2 ist eine Besenkammer und ist immer eine gewesen, aber niemand hat je die Ziffern geändert.
An der Wand zwischen den Türen hängt eine Uhr mit einem roten Sekundenzeiger. Der Zeiger macht bei jedem Sprung ein kleines Geräusch, und in einem Haus, in dem nicht gesprochen wird, ist das das lauteste Geräusch, das es gibt.
Um zwölf nach drei wird in Zimmer 1 ein Junge geboren.
Er ist klein. Nicht besorgniserregend klein, nicht zu früh – klein, wie manche Kinder klein sind, mit langen dünnen Fingern und einem Brustkorb, den man durch die Haut zählen kann. Seine Schultern kommen nach, ohne dass gezogen werden muss. Das ist ein gutes Zeichen. Das ist immer ein gutes Zeichen.
Kein Schrei.
Die Frau auf dem Bett fragt nicht. Sie hat in acht Stunden kaum etwas gefragt. Sie liegt mit dem Kopf zur Seite, die Hände offen neben den Hüften, und blickt zur Wand, und auch das ist eine Art, da durchzukommen.
Die Hebamme legt das Kind auf den Rücken auf die Anrichte, auf ein Handtuch, das sie dort um Viertel vor zwei bereitgelegt hat. Sie reibt. Nicht sanft. Am Rückgrat entlang nach oben, dann über die Brust, dann wieder nach oben. Ihr Daumen ruht auf dem Brustbein. Sie zählt im Stillen, denn man zählt im Stillen, und sechzig zu zählen dauert länger, als die Leute denken.
Sie legt zwei Finger in die Leistenbeuge. Sie wartet. Sie legt die Finger an den Oberarm. Sie wartet wieder.
Sie nimmt den Beatmungsbeutel. Sie setzt die Maske über Nase und Mund, den Rand ordentlich unters Kinn, wie es sich gehört, wie es in jedem Kurs steht, und sie drückt. Der Brustkorb hebt sich. Das ist das Einzige, was sie sehen will, und sie sieht es, und also tut sie es noch einmal, und noch einmal, und sie zählt wieder, und hinter ihr sagt die Frau auf dem Bett nichts.
Der rote Zeiger springt. Und springt.
Es gibt einen Moment – er ist kein Entschluss, er ist nur ein Körper, der aufhört mitzumachen –, in dem die Hebamme ihre Hände stillhält.
Sie legt den Beutel weg. Sie legt die Hand flach auf den Brustkorb des Kindes, als wollte sie es warm halten, oder als wollte sie fühlen, ob sie sich irrt.
Sie irrt sich nicht.
Sie sieht zur Uhr. Sie sagt keine Zeit laut. Es ist niemand da, der sie aufschreiben würde.
Dann wickelt sie das Kind in das Handtuch, auf das sie es gelegt hat. Sie tut es langsam und ordentlich, Ecke über Ecke, so wie man ein Kind wickelt, das mit nach Hause darf.
Die Frau auf dem Bett hat den Kopf nicht gedreht.
Die Hebamme geht zur Tür, das Bündel an der Brust. An der Schwelle bleibt sie stehen und horcht in den Flur, und der Flur ist leer.
Sie zieht die Tür von Zimmer 1 hinter sich zu.
Und sie geht zu Zimmer 3.
Kapitel 1
Die Ergebnisse kamen um vierzehn nach acht, und Judith stand in dem Moment mit dem Rücken zum Tisch und schabte am Herd die Pfanne aus.
Sie hatte den ganzen Tag gearbeitet. Zwei Kontrollen am Vormittag, ein Aufnahmegespräch, und nachmittags eine Frau in der Kolkstraat, die viel zu früh dachte, dass es losging, und es ging nicht los, und die sie eine halbe Stunde lang beruhigt hatte, weil eine halbe Stunde Beruhigen billiger ist als eine Nacht im Krankenhaus. Zuhause hatte sie Boerenkool gemacht, Grünkohl mit Kartoffeln zerstampft, weil Dienstag war und weil Lieve nur in den Ferien zuhause aß, und sie hatte zu viel davon gemacht, wie immer.
Hinter ihr sagte Lieve: „Oh. Oh, er ist da.“
„Wer ist da.“
„Verwant. Die Ergebnisse.“ Lieve schob ihren Stuhl nach hinten, und das Geräusch von Stuhlbeinen auf Fliesen ging durch Judith hindurch, wie es seit neunzehn Jahren durch sie hindurchging. „Guck. Alle kriegen es gleichzeitig. Opa auch. Onkel Wouter auch.“
„Leg das Ding weg, bis ich sitze.“
„Mama.“
„Ich meine es ernst.“
Sie stellte die Pfanne in die Spüle, ließ Wasser hineinlaufen und wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab, das über der Ofentür hing. Es war das mit den Fahrrädern. Von den drei Kerzen auf dem Tisch brannte noch eine. Der Geschirrspüler war mitten im Programm und machte das leise, zischende Geräusch, das man nur hört, wenn es sonst still ist. Timo saß mit den Ellbogen auf der Tischplatte und sah auf sein Telefon, wie er immer auf sein Telefon sah, den Kopf zu weit vorn, und sie war kurz davor, etwas dazu zu sagen.
Sie setzte sich. „Los.“
Die App hieß Damhof – wir alle. Ruud hatte sie 2019 angelegt, zwei Monate bevor seine Mutter starb, weil es anders nicht gelang, neun Leuten gleichzeitig etwas mitzuteilen. Sechsmal im Jahr wurde etwas hineingestellt. Ein Geburtstag. Ein Foto von den Blumenzwiebeln – im Dorf hießen sie einfach Zwiebeln –, wenn sie gerade aufgegangen waren. Einmal ein Todesfall, und das war sein eigener, und den hatte Wouter eingestellt. Judith hatte die Mitteilungen in dem Jahr ausgeschaltet, in dem Ruud starb, und nie wieder eingeschaltet.
Lieve hatte die App schon offen. Sie hielt den Bildschirm schräg, damit Judith mitsehen konnte, und zog ihn gleich wieder zurück, denn das hier war ihres. Sie hatte es sich ausgedacht. Sie hatte im November in ihrem Zimmer in Utrecht ausgerechnet, was fünf Kits kosteten und ob das mit ihrem Nebenjob zu machen war, und sie hatte die Idee gehabt, sie zu Weihnachten zu verteilen, damit im Februar, an Opas Achtzigstem, ein Stammbaum an der Wand hängen konnte. Ein echter. Mit Linien.
„Okay“, sagte Lieve. „Ganz oben steht, wer du bist. Dann kommt deine Ethnizität, damit kann ich nichts anfangen, die ist hier für alle gleich, dreiundneunzig Prozent Nordwesteuropa, was für eine Überraschung. Und dann kommt das Schöne. Verwandte. Er ordnet sie danach, wie nah sie dir sind.“
„Und?“
„Opa steht bei mir auf Großelternteil. Tante Elke auf Tante. Onkel Wouter auf Onkel.“ Sie sah auf. „Es stimmt einfach. Es ist genau das, was es sein muss.“
„Das ist doch schön.“
Sie meinte es halb. Sie hatte die ganze Bestellung geschehen lassen, wie sie die meisten Dinge von Lieve geschehen ließ: mit einer Bemerkung dazu und sonst ohne Widerstand. Etwas davon zu halten wäre ein Gespräch geworden, und es war November gewesen, und sie war müde gewesen.
„Nein, das ist nicht schön, das ist witzig, denn ich warte seit sechs Wochen darauf, und die Antwort ist: ja klar, es ist genau so, wie du es schon wusstest.“ Lieve lachte kurz. Sie scrollte weiter. „Timo. Wo stehst du.“
Timo sah nicht auf. „Ich mach nicht mit.“
„Du hast gespuckt, ich hab’s gesehen.“
„Ich mach beim Gucken nicht mit.“
„In deinem Kopf bist du neunzehn.“ Lieve drehte ihr Telefon um eine Vierteldrehung. „Drin steht er trotzdem, ja. Timo Damhof.“ Sie runzelte die Stirn. „Cousin.“
Judith hörte es.
Sie hörte es, wie sie eine Veränderung in einem Herzschlag hörte: nicht als Schreck, sondern als eine Verschiebung der Aufmerksamkeit, bei der alles, was eine Sekunde vorher wichtig gewesen war – die Pfanne, das Geschirrtuch, der Geschirrspüler –, an den Rand des Zimmers rückte und dort liegen blieb.
„Was hast du gesagt.“
„Cousin. Na ja, so steht es da nicht, es steht in Centimorgan da, das ist ein Maß, das hatte ich auch gerade erst gelernt. Da steht eine Zahl und darunter, was es sein kann.“ Lieve las vor, mit der Stimme, die sie benutzte, wenn sie etwas vorlas, worüber sie selbst noch nicht nachgedacht hatte. „Timo Damhof. Achthundertsechsundsechzig Centimorgan. Mögliche Verwandtschaft: Cousin oder Cousine ersten Grades.“ Sie sah auf. „Das ist doch komisch. Er ist einfach mein Bruder.“
„Das sind Schätzwerte“, sagte Judith. Ihre Stimme kam einfach so heraus. Das wunderte sie nicht einmal. „Solche Tests geben eine Spanne an. Sie wissen nicht, wer dazugehört, sie wissen nur, wie viel ihr teilt.“
„Ja, aber Bruder steht nicht mal dabei. Halbbruder auch nicht.“
„Lieve.“
„Ich sag’s ja nur.“ Sie scrollte hoch und runter, mit dem Daumen, schnell, wie sie alles tat. „Warte. Nein. Das ist blöd.“
Timo hatte sein Telefon umgedreht auf den Tisch gelegt, mit dem Bildschirm nach unten. Er sah seine Schwester an. Er sagte noch immer nichts.
„Was ist blöd“, sagte Judith.
„Er hat auch eine Liste. Jeder hat eine Liste. Und ich stehe in seiner, und Onkel Wouter steht in seiner, und Opa steht in seiner.“ Lieve sah auf, und in ihrem Gesicht war etwas, das Judith dort noch nie gesehen hatte und das sie sofort erkannte, weil sie es von Berufs wegen kannte: das Gesicht von jemandem, der etwas sieht, das nicht sein kann, und der drei Sekunden hat, um zu entscheiden, ob er es laut ausspricht.
Sie sprach es laut aus.
„Mama. Warum stehst du da nicht drin?“